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Kilometer lang ist die Höllentalbahn, die Freiburg im Breisgau mit Donaueschingen
verbindet. Die erste Teilstrecke Freiburg--Neustadt wurde 1884
bis 1887 erbaut. Schon damals war die Überbrückung der
Ravennaschlucht eine bedeutende technische Leistung. Später
wurde ein neuer steinerner
Viadukt geschaffen, der in einer Länge von 114 Meter und in
einer Höhe von 37 Meter die wildromantische Schlucht überquerte.
Damals glaubte wohl niemand daran, daß deutsche Truppen dieses
schöne und eindrucksvolle Bauwerk zerstören würden
und daß dadurch eine empfindliche Lücke in dieser für
den südlichen Schwarzwald so wichtigen Verkehrsverbindung
entstehen würde. Sie war erst 1901 bis Donaueschingen geführt
worden, und ihre Abzweigungen nach Bonndorf (von Neustadt aus)
und nach St. Blasien (von Titisee aus) entstanden noch später.
Durch diese Bahn waren die Weltabgeschiedenen, von der höchsten
Erhebung des Schwarzwaldes, dem rund 1500 Meter hohen Feldberg,
beherrschten Orte dem Fremdenverkehr erschlossen.
Heute müssen die Reisenden auf den Bahnhöfen Höllsteig
oder Hinterarten die Züge verlassen. Kraftwagen „überbrücken' • nun
an Stelle des am 21. April 1945, also wenige Tage vor dem Ende
des unseligen zweiten Weltkrieges, gesprengten Ravennaviaduktes
die auf eine Strecke von 3 Kilometer unbefahrbar gewordene Eisenbahnlinie.
Sie benutzen hierbei den in früheren Zeiten bei den Fuhrleuten
wegen seiner Steigung berüchtigten Höllsteig. der in
einer Reihe von kühnen Schleifen überwunden wird. Während
der Bahnhof Höllsteig 740 Meter über dem Meere liegt,
verläuft die Fahrstraße 35 Meter tiefer.
Nun tönt wieder einmal in der Ravennaschlucht der Arbeitslärm
der modernen Technik. Seit dem 16. Oktober 1946 wird wieder Tag
und Nacht auf der Baustelle „Ravennaviadukt" gearbeitet,
um die unangenehme Verkehrslücke zu schließen.
Bevor der Bau begann, untersuchten Fachleute, Ingenieure und
Baumeister die Größe der Aufgabe. In den technischen Büros
wurde dann gerechnet und gezeichnet, die Reihenfolge der Bauvorgänge
bestimmt. die notwendigen Arbeitsgeräte und Maschinen, die
Baustoffmengen, die Zahl der Arbeiter, die eingesetzt werden konnten
und ihre Unterbringungsmöglichkeiten berechnet. Zunächst
mußten die erheblichen Trümmermengen beseitigt werden,
um Platz für den Wiederaufbau der zerstörten drei Mittelpfeiler
zu gewinnen, die früher wie schlanke Felsnadeln aufragten
und nun durch die schweren, bereits 1941 eingebrachten Sprengladungen
von Grund auf zerstört waren. Auf dem Grunde der Ravennaschlucht
lag geradezu ein künstlich geschaffener Steinbruch. der nun.
so weit es möglich ist, den Werkstoff für den Wiederaufbau
des Viaduktes liefern muß.
Im wirren Durcheinander lagen neben zahlreichen Einzelblöcken
unzerstörte Bruchstücke der Pfeiler, deren Granitquadern
durch eisenharten Zement verbunden waren. Daneben fanden sich
Schuttmassen, Holz, Gleisfetzen. Schwellen, Draht, Bolzen, Unterlegscheiben.
Teile der elektrischen Fahrleitung und vieles
andere. Rechts und links der Schlucht vermittelten die stehengebliebenen
Reste des Viaduktes noch eine Vorstellung von der Schönheit
und Kühnheit des einstigen Bauwerkes. Auf der einen Seite
sah man in nahezu 40 Meter Höhe ein Gleisstück fast fünf
Meter frei über den Pfeiler hinaus in die Luft ragen; dahinter
stand noch ein Mast. der den Fahrdraht tragen half. Teile des stählernen
Brückengeländers hingen verbogen und verwunden herunter.
Ein wahres Wunder. daß die Häuser von Höllsteig
die Druckwelle der Sprengung überstanden haben Die Berechnungen
hatten ergeben. daß zur Instandsetzung des Viaduktes 2500
Kubikmeter Steine und 1000 Tonnen Zement nötig waren.
Das Wegräumen der Trümmer an der Baustelle erwies sich
als eine harte Arbeit. Es mußte Platz geschaffen werden,
um die Kräne aufstellen zu können, denen hier eine der
wichtigsten Arbeiten bei der Beseitigung der Trümmer und der
Beförderung der wiedergewonnenen Baustoffe zukam. Man brauchte
auch Platz für die Betonmischmaschinen, die Preßluftanlage,
man mußte gleichsam Straßen durch die Trümmer
brechen, um Feldbahngleise verlegen zu können, auf denen mit
kleinen Loren Steine, Holz, Zement usw. zur Baustelle befördert
werden sollten.
130 Arbeiter kamen zur Baustelle, zwei Drittel von ihnen Kriegsgefangene
aus dem Lager Offenburg. Mit Preßluftbohrmaschinen rückten
sie dem künstlichen Steinbruch auf den Leib, bohrten tiefe
Löcher in den widerspenstigen Stein, füllten sie mit
Dynamit und dann flogen die Stücke auseinander. Warntafeln
wiesen auf die Gefährlichkeit dieser Arbeit hin, die mit Genehmigung
der französischen Besatzungsmacht durchgeführt werden:
Par ordre des autorites d'occupation! II est interdit ..." — Auf
Befehl der Besatzungsbehörden! Es ist verboten ... -- und
man tut gut, diesem Verbot die gebührende Achtung zu schenken.
Tag und Nacht rattern nun seit dem Beginn der Arbeiten die Presslufthämmer
und schweigen nur für kurze Zeit, wenn die Sprengungen ausgeführt
werden sollen, deren ohrenbetäubender Lärm weithin in
den Schwarzwaldtälern zu hören ist. Aber es ist ein Lärm,
der einer friedvollen Zerstörung dient, und jeder weiß,
daß hier Aufbauarbeit zum Wohle der Bewohner des Schwarzwaldes
und damit der deutschen Wirtschaft geleistet wird. Tag und Nacht,
ohne Unterbrechung wird hier hart gearbeitet! Nachts leuchten 500-Watt.
Lampen und spenden ein taghelles Licht, in dessen Schein die Betontrümmer
in der Schlucht so weiß erglänzen, als ob von Ihnen
das Licht. ausginge. Gespenstig ragen die beiden Hochkräne
in den Nachthimmel aut. Aus seiner Kabine in 20 Meter Höhe
beobachtet der Kranführer die Vorgänge auf der Erde Er
leistet Präzisionsarbeit, wenn er seine Hebel bedient und
die Kranzange auf den Zentimeter genau über die zu hebenden
Steine senkt, sie dann in die Luft schwingt und sie schließlich
ganz langsam auf der Baustelle absetzt.
Andere wieder bedienen die Betonmischmaschinen, die sich unablässig
drehen und ihre graue Speise Tag und Nacht bereiten. 2500 Kubikmeter
Steine wollen aufgemauert , 1000 t Zement im rechten Maß gemischt
und verarbeitet sein! Gut hat sich die Mannschaft aufeinander eingespielt.
Die Kriegskameraden sind Arbeitskameraden geworden, und keiner,
der diese Arbeit nicht lieber täte als dem Waffenhandwerk
zu dienen. Jeder Griff sitzt, sie haben ihre Erfahrungen gewonnen.
Die Männer, die hier schaffen, wissen, was es heißt,
ein solches Werk zu errichten. Dagegen merken die Reisenden meist
erst, was es wert ist, wenn es noch nicht oder nicht mehr da ist.
Das fertige technische Werk wird als. selbstverständlich hingenommen,
die Mühen. Sorgen und Aufwendungen, die es verursachte, werden
vergessen. Wer aber in schwerster, den ganzen Menschen beanspruchender
Arbeit mitwirkte, der hat eine Erfahrung gewonnen, die er sein
lebelang nicht vergißt. Die Männer haben hier kaum Zeit.
sich um die Schönheit der Schwarzwaldlandschaft zu kümmern,
die früher Tausende und aber Tausende anzog, so daß hier
die Gasthäuser und Unterkunftsstätten bis auf der letzten
Platz gefüllt waren. Die Arbeit beansprucht sie vollauf, und
sie sind hundemüde nachdem sie ihre Schicht abgearbeitet haben
Wenn die Strahlen der scheidenden Sonne noch die obersten Spitzen
der Schwarzwaldtannen beleuchten, dann ist es unten in der Tiefe
der Schlucht schon dämmerig, fast dunkel, und selbst im Sommer
ist es so kühl, daß des Nachts Feuer entzündet
werden, um während der kargen Pausen ein wenig Wärme
zu spenden. Dann offenbart sich eine „kalte Hölle" am
Höllsteig im Höllental, das ob seiner Eigenart weithin
berühmt ist. Ragen doch im Engpaß des Tales die bemoosten
Felsen bis zu 150 Meter steil auf, und war es doch in früheren
verkehrsarmen Zeiten wirklich eine Hölle, hier durchzukommen.
Aber wer das Tal, von Osten kommend, überwunden hatte, der
kam dafür auch, etwa zwei Meilen vor Freiburg, ins „Himmelreich",
das dort liegt, wo die Wildheit der engen Schlucht fast unvermittelt
einem breiten Wiesental weicht.
Auf der Baustelle Ravennaviadukt aber stehen sie mit beiden Füßen
auf der Erde und türmen Granitquader auf Granitquader. bis
sich eines Tages in der Höhe die Anschlußbogen zu den
stehengebliebenen Pfeilern wölben und die Schotterbettung
für die Gleise aufgebracht und die Schienen verlegt werden
können. Dann werden die Züge auf der Höllentalbahn
wieder ihr einstiges Wegrecht haben.
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