Baustelle
Ravenna Viadukt
von R.Naumann

Titelbild: Ein Riesenfesnter. Dieser Blick auf das liebliche Landschaftsbild von Höllsteig im Schwarzwald bietet sich durch einen der stehengebliebenen Bögen des noch wenige Tage vor Beendigung des Krieges sinnlos gesprengten Ravennaviadukts. Die durch die Zerstörung der drei mittleren Pfeiler klaffenden Lücke ließ eine weit größere im Verkehrsnetzt entstehen, in dem das formschöne Bauwerk einie wichtige Rolle spüielt. Von der rastlosen Arbeit am Wiederaufbau des Ravenna Viadukts berichtet der Beitrag.

Aufn.: Rominger/Seeger

 
 
 
Nr.20
1947
zweites Oktoberheft
 
 

75 Kilometer lang ist die Höllentalbahn, die Freiburg im Breisgau mit Donaueschingen verbindet. Die erste Teilstrecke Freiburg--Neustadt wurde 1884 bis 1887 erbaut. Schon damals war die Überbrückung der Ravennaschlucht eine bedeutende technische Leistung. Später wurde ein neuer steinerner
Viadukt geschaffen, der in einer Länge von 114 Meter und in einer Höhe von 37 Meter die wildromantische Schlucht überquerte. Damals glaubte wohl niemand daran, daß deutsche Truppen dieses schöne und eindrucksvolle Bauwerk zerstören würden und daß dadurch eine empfindliche Lücke in dieser für den südlichen Schwarzwald so wichtigen Verkehrsverbindung entstehen würde. Sie war erst 1901 bis Donaueschingen geführt worden, und ihre Abzweigungen nach Bonndorf (von Neustadt aus) und nach St. Blasien (von Titisee aus) entstanden noch später. Durch diese Bahn waren die Weltabgeschiedenen, von der höchsten Erhebung des Schwarzwaldes, dem rund 1500 Meter hohen Feldberg, beherrschten Orte dem Fremdenverkehr erschlossen.
Heute müssen die Reisenden auf den Bahnhöfen Höllsteig oder Hinterarten die Züge verlassen. Kraftwagen „überbrücken' • nun an Stelle des am 21. April 1945, also wenige Tage vor dem Ende des unseligen zweiten Weltkrieges, gesprengten Ravennaviaduktes die auf eine Strecke von 3 Kilometer unbefahrbar gewordene Eisenbahnlinie. Sie benutzen hierbei den in früheren Zeiten bei den Fuhrleuten wegen seiner Steigung berüchtigten Höllsteig. der in einer Reihe von kühnen Schleifen überwunden wird. Während der Bahnhof Höllsteig 740 Meter über dem Meere liegt, verläuft die Fahrstraße 35 Meter tiefer.
Nun tönt wieder einmal in der Ravennaschlucht der Arbeitslärm der modernen Technik. Seit dem 16. Oktober 1946 wird wieder Tag und Nacht auf der Baustelle „Ravennaviadukt" gearbeitet, um die unangenehme Verkehrslücke zu schließen.
Bevor der Bau begann, untersuchten Fachleute, Ingenieure und Baumeister die Größe der Aufgabe. In den technischen Büros wurde dann gerechnet und gezeichnet, die Reihenfolge der Bauvorgänge bestimmt. die notwendigen Arbeitsgeräte und Maschinen, die Baustoffmengen, die Zahl der Arbeiter, die eingesetzt werden konnten und ihre Unterbringungsmöglichkeiten berechnet. Zunächst mußten die erheblichen Trümmermengen beseitigt werden, um Platz für den Wiederaufbau der zerstörten drei Mittelpfeiler zu gewinnen, die früher wie schlanke Felsnadeln aufragten und nun durch die schweren, bereits 1941 eingebrachten Sprengladungen von Grund auf zerstört waren. Auf dem Grunde der Ravennaschlucht lag geradezu ein künstlich geschaffener Steinbruch. der nun. so weit es möglich ist, den Werkstoff für den Wiederaufbau des Viaduktes liefern muß.
Im wirren Durcheinander lagen neben zahlreichen Einzelblöcken unzerstörte Bruchstücke der Pfeiler, deren Granitquadern durch eisenharten Zement verbunden waren. Daneben fanden sich Schuttmassen, Holz, Gleisfetzen. Schwellen, Draht, Bolzen, Unterlegscheiben. Teile der elektrischen Fahrleitung und vieles
andere. Rechts und links der Schlucht vermittelten die stehengebliebenen Reste des Viaduktes noch eine Vorstellung von der Schönheit und Kühnheit des einstigen Bauwerkes. Auf der einen Seite sah man in nahezu 40 Meter Höhe ein Gleisstück fast fünf Meter frei über den Pfeiler hinaus in die Luft ragen; dahinter stand noch ein Mast. der den Fahrdraht tragen half. Teile des stählernen Brückengeländers hingen verbogen und verwunden herunter. Ein wahres Wunder. daß die Häuser von Höllsteig die Druckwelle der Sprengung überstanden haben Die Berechnungen hatten ergeben. daß zur Instandsetzung des Viaduktes 2500 Kubikmeter Steine und 1000 Tonnen Zement nötig waren.
Das Wegräumen der Trümmer an der Baustelle erwies sich als eine harte Arbeit. Es mußte Platz geschaffen werden, um die Kräne aufstellen zu können, denen hier eine der wichtigsten Arbeiten bei der Beseitigung der Trümmer und der Beförderung der wiedergewonnenen Baustoffe zukam. Man brauchte auch Platz für die Betonmischmaschinen, die Preßluftanlage, man mußte gleichsam Straßen durch die Trümmer brechen, um Feldbahngleise verlegen zu können, auf denen mit kleinen Loren Steine, Holz, Zement usw. zur Baustelle befördert werden sollten.
130 Arbeiter kamen zur Baustelle, zwei Drittel von ihnen Kriegsgefangene aus dem Lager Offenburg. Mit Preßluftbohrmaschinen rückten sie dem künstlichen Steinbruch auf den Leib, bohrten tiefe Löcher in den widerspenstigen Stein, füllten sie mit Dynamit und dann flogen die Stücke auseinander. Warntafeln wiesen auf die Gefährlichkeit dieser Arbeit hin, die mit Genehmigung der französischen Besatzungsmacht durchgeführt werden: Par ordre des autorites d'occupation! II est interdit ..." — Auf Befehl der Besatzungsbehörden! Es ist verboten ... -- und man tut gut, diesem Verbot die gebührende Achtung zu schenken.
Tag und Nacht rattern nun seit dem Beginn der Arbeiten die Presslufthämmer und schweigen nur für kurze Zeit, wenn die Sprengungen ausgeführt werden sollen, deren ohrenbetäubender Lärm weithin in den Schwarzwaldtälern zu hören ist. Aber es ist ein Lärm, der einer friedvollen Zerstörung dient, und jeder weiß, daß hier Aufbauarbeit zum Wohle der Bewohner des Schwarzwaldes und damit der deutschen Wirtschaft geleistet wird. Tag und Nacht, ohne Unterbrechung wird hier hart gearbeitet! Nachts leuchten 500-Watt. Lampen und spenden ein taghelles Licht, in dessen Schein die Betontrümmer in der Schlucht so weiß erglänzen, als ob von Ihnen das Licht. ausginge. Gespenstig ragen die beiden Hochkräne in den Nachthimmel aut. Aus seiner Kabine in 20 Meter Höhe beobachtet der Kranführer die Vorgänge auf der Erde Er leistet Präzisionsarbeit, wenn er seine Hebel bedient und die Kranzange auf den Zentimeter genau über die zu hebenden Steine senkt, sie dann in die Luft schwingt und sie schließlich ganz langsam auf der Baustelle absetzt.
Andere wieder bedienen die Betonmischmaschinen, die sich unablässig drehen und ihre graue Speise Tag und Nacht bereiten. 2500 Kubikmeter Steine wollen aufgemauert , 1000 t Zement im rechten Maß gemischt und verarbeitet sein! Gut hat sich die Mannschaft aufeinander eingespielt. Die Kriegskameraden sind Arbeitskameraden geworden, und keiner, der diese Arbeit nicht lieber täte als dem Waffenhandwerk zu dienen. Jeder Griff sitzt, sie haben ihre Erfahrungen gewonnen.
Die Männer, die hier schaffen, wissen, was es heißt, ein solches Werk zu errichten. Dagegen merken die Reisenden meist erst, was es wert ist, wenn es noch nicht oder nicht mehr da ist. Das fertige technische Werk wird als. selbstverständlich hingenommen, die Mühen. Sorgen und Aufwendungen, die es verursachte, werden vergessen. Wer aber in schwerster, den ganzen Menschen beanspruchender Arbeit mitwirkte, der hat eine Erfahrung gewonnen, die er sein lebelang nicht vergißt. Die Männer haben hier kaum Zeit. sich um die Schönheit der Schwarzwaldlandschaft zu kümmern, die früher Tausende und aber Tausende anzog, so daß hier die Gasthäuser und Unterkunftsstätten bis auf der letzten Platz gefüllt waren. Die Arbeit beansprucht sie vollauf, und sie sind hundemüde nachdem sie ihre Schicht abgearbeitet haben Wenn die Strahlen der scheidenden Sonne noch die obersten Spitzen der Schwarzwaldtannen beleuchten, dann ist es unten in der Tiefe der Schlucht schon dämmerig, fast dunkel, und selbst im Sommer ist es so kühl, daß des Nachts Feuer entzündet werden, um während der kargen Pausen ein wenig Wärme zu spenden. Dann offenbart sich eine „kalte Hölle" am Höllsteig im Höllental, das ob seiner Eigenart weithin berühmt ist. Ragen doch im Engpaß des Tales die bemoosten
Felsen bis zu 150 Meter steil auf, und war es doch in früheren verkehrsarmen Zeiten wirklich eine Hölle, hier durchzukommen. Aber wer das Tal, von Osten kommend, überwunden hatte, der kam dafür auch, etwa zwei Meilen vor Freiburg, ins „Himmelreich", das dort liegt, wo die Wildheit der engen Schlucht fast unvermittelt einem breiten Wiesental weicht.
Auf der Baustelle Ravennaviadukt aber stehen sie mit beiden Füßen auf der Erde und türmen Granitquader auf Granitquader. bis sich eines Tages in der Höhe die Anschlußbogen zu den stehengebliebenen Pfeilern wölben und die Schotterbettung für die Gleise aufgebracht und die Schienen verlegt werden können. Dann werden die Züge auf der Höllentalbahn wieder ihr einstiges Wegrecht haben.

 
 
   
 
   
 
   
 
   
 

Natur und Technik erscheint zweimal monatlich mit Genehmigung der französichen Militärregierung.
Verlag und Redaktion: Berlin N65,Müllerstr. 1a
Natur und Technik 20/47

       
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